Risikoeinschätzung Gemeinden

Aktuelle Risikoeinschätzung von Schweizer Gemeinden

Eine neue Studie der Universität Bern zeigt aktuelle Risikoeinschätzungen von Schweizer Gemeinden – finanzielle Risiken bereiten den Gemeinden die grössten Sorgen. 

Wie gehen Schweizer Gemeinden mit Risiken um – und welche Gefahren sehen sie aktuell als besonders bedrohlich? Das Institut für Unternehmensrechnung und Controlling der Universität Bern hat gemeinsam mit der publicXdata AG eine umfassende Studie zu Risikomanagement (RM) und internen Kontrollsystemen (IKS) durchgeführt. Die Ergebnisse geben interessante Einblicke in die Risikoeinschätzung von 213 Gemeindeverwaltungen.

Prof. Dr. Markus Arnold, Studienleiter und Professor an der Universität Bern, ordnet die wichtigsten Erkenntnisse im Interview ein.

Interview mit Prof. Dr. Markus Arnold

Herr Arnold, Sie haben die Studie mit den Gemeinden durchgeführt. Was sind aktuell die relevantesten Risiken, die Schweizer Gemeinden beschäftigen?

Markus Arnold:
Wir beobachten seit 2019 einen klaren Trend: Gemeinden schätzen die Eintrittswahrscheinlichkeit verschiedener Schadensfälle grundsätzlich deutlich höher ein – etwa personenbezogene und organisatorische Risiken oder solche im Zusammenhang mit dem demografischen Wandel. Auch die potenziellen Auswirkungen im Schadensfall werden als gravierender eingestuft.

Globale Ereignisse wie Covid-19, der Krieg in der Ukraine oder auch die aktuellen Unsicherheiten im Zollregime mit den USA haben das allgemeine Unsicherheitsgefühl wohl verstärkt – auch in Schweizer Gemeinden. Aktuell stehen finanzielle und wirtschaftliche Risiken ganz oben auf der Liste. Viele Gemeinden sorgen sich etwa darum, ob sie künftige Investitionen in die Infrastruktur noch aus eigenen Mitteln finanzieren können. Auch soziale Risiken – wie steigende Kosten im Sozialbereich oder Änderungen im kantonalen Lastenausgleich – werden weiterhin als sehr hoch eingeschätzt.

Risikoeinschätzung Gemeinden
Abbildung 1: Vergleich Risikoeinschätzung von Gemeinden im Jahresverlauf
Wie sieht es im Vergleich zur letzten Studie aus? Welche Risiken haben am stärksten an Bedeutung gewonnen?

Markus Arnold:
Besonders stark zugenommen haben dieses Jahr die finanziellen Risiken – etwa steuerliche Unsicherheiten wie sinkende Steuereinnahmen, Steuerwettbewerb oder Klumpenrisiken durch einzelne Steuerzahler. Auch IT-Risiken werden als deutlich relevanter wahrgenommen: Cyberangriffe, Fragen der Datensicherheit, externe Abhängigkeiten und die zunehmende Komplexität der IT-Infrastruktur beschäftigen viele Gemeinden. Die Sensibilität ist hier durch reale Vorfälle spürbar gestiegen.

Risikoeinschätzung Gemeinden Jahresvergleich 2022 und 2024
Abbildung 2: Vergleich Risikoeinschätzung von Gemeinden 2022 und 2024
Teilen Sie die Risikoeinschätzung der Gemeinden? Oder werden gewisse Risiken Ihrer Meinung nach über- oder unterschätzt?

Markus Arnold:
Natürlich gibt es hier keine absolute Wahrheit. Aber da wir in jeder der drei letzten Studien zwischen 200 und 350 teilnehmende Schweizer Gemeinden hatten, haben wir jeweils ein Sample, das die Trends über die Zeit recht gut widerspiegeln dürfte. Die Einschätzungen der Gemeinden sind zudem nachvollziehbar und zeigen ein wachsendes Bewusstsein für systemische Risiken.

Was empfehlen Sie Schweizer Gemeinden, um diese Risiken besser zu steuern?

Markus Arnold:
Entscheidungsträger:innen sollten sich regelmässig mit aktuellen Risiken auseinandersetzen und Massnahmen entwickeln, um deren Eintrittswahrscheinlichkeit oder Schadensausmass zu reduzieren. Ein systematisches Risikomanagementsystem ist dafür zentral – also ein Prozess, der Risiken identifiziert, bewertet und konkrete Gegenmassnahmen definiert.

Unsere Umfrage zeigt jedoch: Nur rund 20 % der befragten Gemeinden verfügen über ein systematisches, ausgeprägtes Risikomanagementsystem. Hier besteht klarer Handlungsbedarf. Zudem werden IKS und Risikomanagement oftmals nur sehr reaktiv und hauptsächlich zur Sicherstellung ordnungsgemässer Abläufe verwendet. Das verkennt aber das Potenzial dieser Instrumente, intern für eine bessere Steuerung zu sorgen.

Gerade bei den hoch bewerteten finanziellen Risiken lohnt sich zudem ein kritischer Blick auf den operativen Betrieb: Welche Tätigkeiten sind noch notwendig? Wo kann effizienter gearbeitet werden? So lassen sich Mittel einsparen, die wiederum die Selbstfinanzierung und einen nachhaltigen Haushalt fördern.

Vielen Dank, Herr Prof. Arnold, für das Gespräch und die spannenden Einblicke in die Risikoeinschätzung der Schweizer Gemeinden.

Haben wir Ihr Interesse für dieses Thema geweckt?

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Markus Arnold

Professor Dr. Markus Arnold

Professor Dr. Markus Arnold ist Professor für Managerial Accounting und Direktor des Instituts für Unternehmensrechnung und Controlling an der Universität Bern.

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