In der zunehmend komplexen Welt der Gemeinden ist es oft schwierig, ein klares Bild ihrer finanziellen Gesundheit zu zeichnen. Es stellt sich die Frage, wie gut eine Gemeinde operativ dasteht und ob sie widerstandsfähig gegenüber zukünftigen Krisen ist. In diesem Artikel werden wir uns diesen Fragen widmen und versuchen, sie allgemeinverständlich zu beantworten, indem wir die Finanzanalyse und ihre Indikatoren vorstellen.
Um ein umfassendes Verständnis der strukturellen Gesundheit einer Gemeinde zu erlangen, ziehen wir vier Indikatoren heran: den Selbstfinanzierungsanteil, den Nettoverschuldungsquotienten, den Bilanzüberschussquotienten und die Steuerbelastung. Der Selbstfinanzierungsanteil ist dabei der Schlüsselindikator, da er die anderen drei wesentlich beeinflusst. Er repräsentiert die operative Leistung, während Nettoverschuldungsquotient, Bilanzüberschussquotient und Steuerbelastung hauptsächlich die Resilienz und Handlungsfähigkeit in Krisenzeiten bewerten.
Selbstfinanzierung und Investitionen
Der Selbstfinanzierungsanteil ist ein Schlüsselindikator für die finanzielle Gesundheit einer Gemeinde, den wir näher erörtern werden. Diese Kennzahl zeigt auf, wie viel Geld eine Gemeinde in einem Jahr durch ihr operatives Geschäft erwirtschaftet und setzt dies in Bezug zum Gesamtertrag. Die Selbstfinanzierung ermöglicht der Gemeinde, ihre Investitionen aus eigener Kraft zu finanzieren.
Die Fähigkeit, Investitionen eigenständig zu finanzieren, reicht nicht aus, um zu bewerten, inwieweit eine Gemeinde nachhaltig in ihre Infrastruktur investiert. Hierfür bietet der Investitionsanteil wertvolle Informationen. Dieser Indikator verdeutlicht, welcher Prozentsatz der Gesamtausgaben für Bruttoinvestitionen aufgewendet wird und gibt somit Aufschluss über das Investitionsniveau der Gemeinde. Ein Investitionsanteil von 10 % gilt langfristig als angemessen. Daher ist eine Analyse beider Indikatoren zusammen unerlässlich.
Ebenso ist es wichtig, die Entwicklung über mehrere Jahre hinweg zu betrachten, um ein verlässliches Bild der finanziellen Leistungsfähigkeit der Gemeinde zu gewinnen. Ein Durchschnittswert über mehrere Jahre hilft, Verzerrungen durch einmalige Effekte, wie grosse Investitionen, zu korrigieren.
Im Folgenden wird erklärt, wie die beiden Indikatoren[1] berechnet werden und in der anschliessenden Grafik, wie man die Kennzahlen gemeinsam interpretieren kann.
Selbstfinanzierungsanteil
Investitionsanteil
Abbildung 2: Formeln für den Selbstfinanzierungsanteil und die Investitionsanteil. Quelle: Kennzahlen HRM2 Tabelle 40 S.11 und Tabelle 47 S.15
[1] Wir verwenden die offiziellen Kennzahlen nach HRM2, da diese allgemein bekannt sind. Im Bewusstsein, dass die Nettoinvestitionen die wichtige Grösse bezüglich der Finanzierbarkeit ist. Bei den nachfolgenden Bespielen gehen wir davon aus, dass die Brutto- und Nettoinvestitionen gleich hoch sind.
In der folgenden Grafik können wir sehen, dass das Best-Case-Szenario zwischen den Jahren 2012 und 2015 liegt. In diesem Zeitraum sind der Investitionsanteil und der Selbstfinanzierungsgrad über dem Zielwert von 10%.
Eine Methode, einen zu tiefen Selbstfinanzierungsgrad zu verbessern, besteht im Benchmarking zwischen verschiedenen Gemeinden. Der Vergleich ausgewählter Indikatoren mit anderen Gemeinden hilft dabei, Bereiche mit Verbesserungspotenzial zu identifizieren, und ermöglicht die Durchführung zielgerichteter Massnahmen zur Steigerung der operativen Leistungsfähigkeit. Weitere Details finden Sie auf unserer Benchmarking-Seite.
Nettoverschuldungsquotient
Der zweite wichtige Indikator für die finanzielle Gesundheit einer Gemeinde ist der Nettoverschuldungsquotient. Er liefert Einsichten in das Verschuldungspotenzial einer Gemeinde. Konkret zeigt er, welcher Anteil der Steuereinnahmen für die Tilgung der Nettoschulden notwendig ist. Die Nettoschuld umfasst dabei alle Schulden, die aktuell nicht durch das Finanzvermögen gedeckt werden können.
Abbildung 4: Formel für den Nettoverschuldungsquotient. Quelle: Kennzahlen HRM2 Tabelle 36 S.9
Ein Wert von 150 % bedeutet zum Beispiel, dass die Gemeinde 150 % der Steuereinnahmen dieses Jahres benötigen würde, um ihre Nettoschulden zu tilgen.
Ein niedriger Nettoverschuldungsquotient ermöglicht es der Gemeinde, bei umfangreichen Investitionen temporär zusätzliche Schulden aufzunehmen. Die Kennzahl ist ein wichtiger Faktor bei der Bewertung der Kreditwürdigkeit. Daher sorgt ein niedriger Nettoverschuldungsquotient dafür, dass die Gemeinde auf dem Kapitalmarkt zu guten Bedingungen Kredite erhalten kann.
In der dargestellten Grafik ist ersichtlich, dass die Gemeinde bis 2022 einen Nettoverschuldungsquotienten von unter 100% erzielt hat, indem sie das Volumen ihrer Schulden signifikant verringerte.
Bilanzüberschussquotient
Dieser Indikator ermittelt die finanzielle Gesundheit einer Gemeinde durch den Saldo aus den kumulierten Gewinnen und Verlusten der Ergebnisrechnung im Vergleich zu den Steuereinnahmen. Er zeigt auf, ob die Gemeinde fähig ist, negative Ergebnisse mit ihrem Eigenkapital aufzufangen.
Abbildung 6: Formel für den Bilanzüberschussquotient. Quelle: Kanton Thurgau, Finanzkennzahlen S.10
Viele Gemeinden betrachten einen Bilanzüberschussquotienten von 30% oder mehr als solide Basis. Ein starker Eigenkapitalbestand ermöglicht es, potenzielle zukünftige Verluste aufzufangen, und macht eine Gemeinde resilient gegen finanzielle Schwankungen. Eine hohe Eigenkapitalquote deutet auf ein effizientes und vorausschauendes Management der Ausgaben und Einnahmen in der Vergangenheit hin.
Auch die Zusammensetzung der Einnahmen spielt eine wichtige Rolle. Ist der Anteil der Steuereinnahmen von juristischen Personen hoch, ist es ratsam, einen höheren Bilanzüberschussquotienten anzustreben, um die grössere Volatilität dieser Einkommensquelle zu kompensieren.
Steuerbelastung
Jährlich wird an der Gemeindeversammlung oder per Urnenabstimmung mit der Genehmigung des Budgets der Steuerfuss für das kommende Jahr festgesetzt. Dieser Multiplikator in der Steuerrechnung wird von der Gemeinde festgelegt.
Ein niedriger Steuerfuss bedeutet einen grösseren Handlungsspielraum für Anpassungen. Bei Krisen oder strukturellen Problemen kann die Gemeinde den Steuerfuss anheben, ohne im Steuerwettbewerb mit anderen Gemeinden negativ abzuschliessen.
Fazit
Wie zu Beginn erwähnt, spielt der Selbstfinanzierungsgrad eine zentrale Rolle für die finanzielle Gesundheit einer Gemeinde, da er insbesondere den Nettoverschuldungsquotienten als auch den Bilanzüberschussquotienten wesentlich beeinflusst. Für eine gesunde Gemeindeentwicklung ist es unserer Ansicht nach essentiell, Kosten und Leistungen sorgfältig zu analysieren, um den Selbstfinanzierungsgrad zu optimieren. Ein Ansatz hierfür ist die Benchmarking-Methode. Durch den Vergleich der Gemeinden in 31 Bereichen anhand von rund 80 detaillierten Indikatoren ermöglichen wir Ihnen, sich ein klareres Bild von den Bereichen zu verschaffen, die Verbesserung benötigen.
Abschliessend präsentieren wir eine Übersicht der vorgestellten Indikatoren, die aus unserer Sicht für die strukturelle Analyse der Gemeindefinanzen entscheidend sind. Die nachstehende Grafik illustriert diese vier Indikatoren der Finanzanalyse nochmals.
Valentin Meister
Valentin unterstützt die Publicxdata AG seit Oktober 2023 als Verantwortlicher für die Romandie. Wenn er nicht gerade neue Kunden aus der Westschweiz anwirbt erweiterter er sein wirtschaftliches Verständnis durch sein Masterstudium in Economics an der Universität Zürich.